Idyllische Waldbilder in beeindruckender Landschaft, alte Baumriesen, unterschiedlichste Grünschattierungen, alles zusammen untermalt mit stimmungsvollen Erläuterungen wie aus einer Fernsehdokumentation…? Weit gefehlt!

Wer am Freitag, den 13. August, einen Tag voll romantischer Urwaldimpressionen erwartet hätte, wäre ganz schön enttäuscht worden. Stattdessen wurde die Forstfrauen-Exkursion ins Wildnisgebiet Dürrenstein zu einer veritablen Herausforderung für die Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Und das ist absolut positiv gemeint!DSC 0124

Maria von Rochow, Forstwissenschaftlerin, Wanderführerin und Mitarbeiterin im Wildnisgebiet Dürrenstein, gestaltete eine für uns alle unvergessliche Führung. Sie hätte es sich leichtmachen und versuchen können, ihr Publikum mit hübschen Geschichten und eingängigen Erkenntnissen zufriedenzustellen. Maria aber ging einen deutlich aufwendigeren Weg: Mit einer Mischung aus Fachwissen, Bedächtigkeit und trockenem Humor brachte sie Inputs und forderte uns gleichzeitig auf, den Dingen selbst auf den Grund zu gehen und Standpunkte wie auch vermeintlich fixes Wissen zu hinterfragen. Schon der Unterschied zwischen Urwald und Wildnis war wohl so mancher von uns nicht von vornherein klar…

Die einzelnen Exkursionspunkte boten reichlich Gesprächsstoff und machten klar, warum das Wildnisgebiet mit dem Urwald für Forstleute derartige Anziehungskraft besitzt. Hier lassen sich Dynamiken beobachten, die wir im Wirtschaftswald nicht zu sehen bekommen, schlicht, weil unsere Wälder das für viele Entwicklungen nötige Alter nicht erreichen oder wir sie aus technischen, wirtschaftlichen oder Forstschutzgründen nicht zulassen (können). Gerade in diesen Entwicklungen liegen aber auch wertvolle Anhaltspunkte für eine Waldbewirtschaftung, die wirtschaftliche Ziele verfolgt, aber ökologische Grundsätze nicht außer Acht lässt.

DSC 0258Ein typisches Beispiel ist eine Fläche, auf der nach einem Windwurf das Holz liegen gelassen wurde. Die hohen Schneelagen dieser Region bestimmen die Wuchsform der Bäume – aus forstlicher Sicht nicht gerade zum Vorteil. Das Liegenbleiben der Stämme hatte zwei Vorteile: Zum einen war die Fläche für das Wild unattraktiv, was eine flächige Verjüngung ermöglicht hat, zum zweiten wurde damit der Schneeschub verhindert, sodass und die nächste Baumgeneration nicht mehr den typischen Säbelwuchs zeigt, sondern kerzengerade gewachsen ist.

Für spannende Diskussionen sorgten die Wechselwirkungen zwischen dem Wald und Organismen, die aus Sicht der Forstleute als Schädlinge bezeichnet werden. Manch moderne Forschungsansätze vertreten die These, dass z.B. der Buchdrucker, der seit Jahrtausenden mit der Fichte in Co-Evolution existiert, durch Zerstörung des Altholzes der Verjüngung des Waldes dient und so eine natürliche Störung mit letztendlich positiver Wirkung darstellt. Die hier typische natürliche Waldgemeinschaft aus Fichte, Tanne und Buche bietet zudem deutlich weniger Angriffsfläche als ein fichtendominierter Wald. Da im Urwald die menschliche Sichtweise keinen Maßstab darstellt, spielt der Schädlingsbegriff hier keine Rolle.

Die Lenkung der Baumartenzusammensetzung durch die Natur zeigte sich an allen Exkursionspunkten in verschiedensten Formen. Während im Wirtschaftswald mittels Steuerung von Verjüngung und Pflegeeingriffen unter Berücksichtigung der natürlichen Gegebenheiten letzendlich weitgehend der Mensch bestimmt, wo welcher Baum steht, entscheidet in Wildnis und Urwald ausschließlich die Natur über Sein oder Nichtsein. Licht und Schatten, Schneehöhe, Nachbarn, Pilze wie der Schneeschimmel und vieles mehr erlauben Wachstum oder führen zum Absterben des Baumes. Und einige im Wirtschaftswald gefürchtete Schadorganismen wie z.B. Hallimasch spielen im Urwald keine Rolle.DSC 0282

Auch mit Blick auf den Menschen entschieden Pflanzen und Pilze oft über Leben und Tod. Der Nutzen des Blauen Eisenhutes ist vielleicht ein bisschen zweifelhaft angesichts der Tatsache, dass er mitunter dazu genutzt wurde, unliebsame Mitmenschen mithilfe blau gefärbter Wäsche zu eliminieren. Fomes fomentarius dagegen, der Zunderschwamm, war als Träger des Feuerfunkens oft mit ein Garant fürs Überleben. Und selbst auch unter Forstleuten oft wenig bekannte Klein- und Großsporige Grünspanbecherling (mit dem Zungenbrechernamen Chlorociboria aeruginascens bzw. C. aeruginosa) kam zum Einsatz, wenn auch aus ästhetischen Gründen – das von ihm grün verfärbte Buchenholz wurde für Intarsienarbeiten verwendet.

DSC 0311Abschließendes Highlight war der Besuch im eigentlichen Urwald, wie verabredet mit einem seltenen Alpensalamander. Aber nicht nur im Kleinen ist der Wald faszinierend. Auch im Großen ist er ehrfurchtgebietend, etwa dann, wenn das Pi-Band nicht mehr ausreicht, um den Baumdurchmesser zu ermitteln und Baumwipfel sich in ungeahnte Höhen erstrecken.

Bereichert von einem Tag voller Impressionen, Gedankenanstöße und Wissen machten wir uns auf dem Heimweg, und nicht wenige von uns werden ihr Wirkungsgebiet Wald in Zukunft wohl mit erweitertem Blickwinkel betrachten.

 

Wir sagen noch einmal ein riesiges Dankeschön an Maria und freuen uns auf den nächsten Besuch!

 

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